Das Bild zeigt ein einzelnes, plastisch herausgearbeitetes Blatt, das sich reliefartig von der Leinwand abhebt. Das Blatt ist in Nuancen von Grün und Blaugrün gehalten, mit zarten gelblichen Akzenten entlang der Blattadern. Sein Stiel zieht sich schlank und fein nach unten und verbindet das Blatt mit dem unteren Bereich des Bildes.
Der Hintergrund besteht aus mehreren lasierenden Farbschichten in warmen Erdtönen, Ocker, Sand- und Lehmbraun, die stellenweise in kühlen Grün- und Grauabstufungen auslaufen. Senkrechte Farbschlieren ziehen über die Oberfläche, wie Spuren von Wasser oder Witterung. An einigen Stellen bilden sich pastose, körnige Strukturen, die wie getrocknete Lehmkrusten oder mineralische Ablagerungen wirken.
Auf der rechten Bildhälfte zieht sich ein feines, gitterartiges Liniengewebe über die Fläche, das an gealterten Stoff, erodierte Wandflächen oder verwitterte Oberflächen erinnert. In manchen Bereichen sind kleine Punkte oder Sprenkel sichtbar, wie Pollen, Staub, Samen oder Schneekristalle.
Am unteren Rand ist die Signatur tomo. klar und zentriert gesetzt.
Interpretation
Das Werk hält einen Moment des Innehaltens fest – jenen Zustand zwischen Werden und Vergehen. Das einzelne Blatt ist bewusst hervorgehoben: Es steht stellvertretend für die unzähligen Wunder der Natur, von denen jedes für sich eine eigene Welt trägt. Indem die Künstlerin nur dieses eine Blatt ins Zentrum rückt, lädt sie dazu ein, das scheinbar Kleine als etwas Kostbares zu betrachten.
Das Blatt zeigt:
Nichts verschwindet einfach. Alles, was war, wirkt weiter — in neuer Form.
Vergänglichkeit erscheint hier nicht als Verlust, sondern als Wandlung. Das Blatt wirkt nicht tot, sondern verwandelt — ein lebendiger Abdruck von Zeit und Erfahrung.
Der Hintergrund, mit seinen erdigen Farbschichten, Schlieren und mineralischen Strukturen, steht für Dauer, Natur, Erinnerung. Er wirkt wie Landschaft und Wand zugleich — wie etwas, das trägt und bewahrt.
Es entsteht ein stiller Dialog:
zwischen Einzelheit (das Blatt)
und Weite (der Hintergrund),
zwischen Zartheit und Erdung,
zwischen Gegenwart und Zeitspur.
Es lädt dazu ein, länger zu schauen und langsamer zu werden.